Warum wir in den Wechseljahren plötzlich Aktienpakete in Pillendosen investieren
Es beginnt harmlos.
Mit Magnesium.
„Nur gegen die Wadenkrämpfe.“
Dann kommt Zink.
Dann Vitamin D.
Dann Omega-3.
Dann irgendein Extrakt aus einer Pflanze, die nur auf einem schottischen Nordhang wächst, wo sie von mondbeschienenen Jungfrauen geerntet wird.
Und irgendwann sitzt man da,
schluckt morgens mehr Kapseln als ein Wellensittich Körner und denkt:
Das ist keine Überreaktion. Das ist Selbstfürsorge.
Ich war nie so.
Ich war Nivea.
Ich war DM-Eigenmarke.
Ich war „Das tut’s auch.“
Keine teuren Seren.
Keine 200-Euro-Cremes mit Goldstaub.
Keine Ampullen, die klingen wie ein Nebenfach in Chemie.
Gut, ich gebe zu – beim Makeup greife ich dann schon mal tiefer in die Tasche. Da glaube ich fest an die Theorie, dass gute Ware in my face auch gute Ergebnisse zaubert.
Grundsätzlich bezeichne ich mich aber als bodenständig. Bis jetzt.
Willkommen im Priorin-Team
Seit neuestem züchte ich Haare.
Also… ich versuche es.
Ich suche jeden Morgen im Spiegel nach der Brigitte-Bardot-Matte, die sich angeblich gerade durch meine Kopfhaut kämpft. Ich hätte nämlich gerne diese Bardot-Curtain-Bangs. Aktuell müsste ich mir, wie mein alter Mathelehrer, alles hinten wachsende Haar nach vorne schieben um diesen Look zu erreichen. Sieht aber unglaublich kacke aus – also schluck ich die Kapseln.
Ich bilde mir wirklich ein, dass da etwas sprießt.
Dann erinnere ich mich: Horn wächst ungefähr einen Zentimeter im Monat.
Ein Zentimeter.
Das ist kein Haarwachstum. Das ist botanische Geduld.
Und trotzdem rechne ich:
Wenn ich jetzt konsequent bleibe, könnte ich mit 63 eine Frisur haben,
die wieder nach „Volumen“ klingt und nicht nach „zartes Lüftchen“.
Wir investieren nicht in Vitamine. Wir investieren in Hoffnung.
Und Hoffnung hat keinen Rabattcode.
Wir kaufen:
Kapseln gegen Hitzewallungen
Pulver gegen Brain Fog
Tropfen für Schlaf
Gummies für Haut
Koffein für Haare
Kollagen für alles, was hängt
Ich bin mir ziemlich sicher, der Gesamtwert meiner Nahrungsergänzungsmittel
liegt inzwischen irgendwo im Bereich eines VW Polo, Baujahr 2009.
Oder einer Außensauna.
Und ich sitze trotzdem im Schlafanzug mit dünner werdendem Haupthaar und schwitze.
Die große Selbsttäuschung (liebevoll gemeint)
Wir sind Meisterinnen im Schönreden.
„Die Haare fühlen sich kräftiger an.“
(Fühlen sie sich nicht.)
„Meine Haut strahlt.“
(Sie glänzt. Das ist was anderes.)
„Ich merke schon einen Unterschied.“
(Welchen genau, weiß niemand.)
Aber es fühlt sich gut an, etwas zu tun.
Das ist der eigentliche Wirkstoff.
Warum wir das machen (Spoiler: Es ist nicht nur Eitelkeit)
Die Wechseljahre sind Kontrollverlust auf Raten.
Schlaf? Unzuverlässig.
Hormone? Achterbahn ohne Sicherheitsbügel.
Laune? Überraschungsei.
Also greifen wir zu dem, was wir kontrollieren können:
Kapseln.
Pulver.
Tiegel.
Das ist kein Größenwahn. Das ist Selbstwirksamkeit in Plastikdosen.
Und ja, manches hilft tatsächlich
Ein paar Dinge haben Evidenz:
Magnesium kann bei Muskelkrämpfen helfen.
Vitamin D ist sinnvoll bei Mangel und ist eh der geile Shit.
Omega-3 kann entzündungshemmend wirken.
Bestimmte Pflanzenstoffe zeigen bei Hitzewallungen Effekte.
Aber zwischen „kann helfen“ und „macht dich wieder 35“ liegt ein Ozean.
Und wir paddeln fröhlich hinein.
Der eigentliche Punkt
Wir kaufen keine Supplements.
Wir kaufen das Gefühl, dem hormonellen Irrenhaus nicht komplett schutzlos ausgeliefert zu sein.
Denn nichts ist so demütigend wie ein Körper, der plötzlich eigene Pläne hat.
Er schwitzt ohne Einladung.
Er verliert Haare wie Herbstlaub.
Er schläft, wenn er will – nur nachts nicht.
Und wir stehen da mit einer Dose.
Magnesium.
Zink.
Priorin.
Kollagen.
Nicht, weil wir glauben, wir züchten uns zurück in die 90er.
Sondern, weil Nichtstun sich anfühlt wie Kapitulation.
Du willst mir die Haare klauen? Ich werfe Biotin nach.
Du willst mich nachts grillen? Ich kontere mit Pflanzenextrakt aus der sibirischen Mondwurzel.
Du willst mich müde machen? Omega-3, Baby. Wir sehen uns.
Das ist kein Gesundheitsplan. Das ist Trotz in Kapselgröße.
Wir kaufen keine Jugend. Wir kaufen Mitspracherecht.
Jede Dose im Bad ist ein kleines „Nicht mit mir, Freundin.“
Vielleicht wirkt es minimal.
Vielleicht wirkt es gar nicht.
Vielleicht wirkt nur mein Glaube daran.
Aber es fühlt sich besser an, 60 Euro im Monat in Hoffnung zu investieren als 0 Euro in Resignation.
Und wenn ich nochmal überschlage,
was ich mir in den letzten Jahren an Pulver, Tropfen und Haarträumen reingeschraubt habe,
dann hätte ich locker zusätzlich zum VW Polo noch eine Original Sophia-Loren-Gedächtnis-Vespa fahren können.
Mit Sitzheizung in Sizilien.
Aber die Vespa macht mir kein Volumen.
Also schlucke ich weiter.
Nicht aus Dummheit. Aus Würde.
Und aus dieser sehr weiblichen Mischung aus
„Ich weiß, dass das übertrieben ist“ und „Gib mir trotzdem noch eine Packung.“ 🍒
Kirsche zum Schluss 🍒
Ich werde weiter meine Kapseln schlucken.
Weiter meine neuen Haare zählen.
Weiter ausrechnen, wann aus Flusen wieder Fülle wird.
Vielleicht ist das alles Quatsch.
Vielleicht ist es Placebo.
Vielleicht ist es ein Polo.
Aber wenn Selbstfürsorge manchmal aussieht wie ein Apothekenschrank mit Kreditkartenlimit, dann ist das eben so.
Und sollte meine Brigitte-Bardot-Mähne wirklich noch kommen, dann lade ich euch alle in meine Außensauna ein.
Mit Volumen.
Und Konfetti. 🍒



