Selbstliebe & Mental Health

Warum wir in den Wechseljahren plötzlich wegen jedem Scheiß heulen

17. März 2026
5 Min. Lesezeit Lesezeit
Warum wir in den Wechseljahren plötzlich wegen jedem Scheiß heulen

Es gibt Tage, da stehst du völlig harmlos in der Küche, hältst ein Stück Gouda in der Hand
und plötzlich laufen dir Tränen übers Gesicht.

Nicht so ein elegantes Filmtränchen, dass bei Kerzenlicht über die Wange rollt wie in irgendeiner französischen Liebeskomödie.

Ich meine Heulen wie unsere Promenadenmischung im Wartezimmer der Tierärztin.

So ein Heulen, bei dem du selbst kurz innehältst und denkst:

„Moooooment mal.“

„Ich wollte doch nur Käse.“

Und plötzlich sieht deine Küche aus wie die emotionale End Szene eines Films, bei dem am Ende alle sterben und jemand im Regen zurückbleibt.

Nur dass du nicht im Regen stehst. Du stehst in Socken auf Laminat und schniefst über einer Tupperdose.

Und während du versuchst herauszufinden, warum du gerade weinst, läuft dein Gehirn im Hintergrund wie ein völlig überforderter Praktikant herum:

„Gefühl erkannt!“
„Gefühl erkannt!“
„Keine Ahnung welches –aber wir heulen jetzt los!“

„Das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein.“

Zack.

Willkommen in der Menopause.


Medizin – ganz kurz, bevor wir wieder anfangen zu heulen

Im Körper einer Frau liefen jahrzehntelang zwei Hormone herum, die dafür gesorgt haben, dass Emotionen halbwegs zivilisiert bleiben.

Östrogen.
Progesteron.

Die beiden waren so etwas wie die DJs auf der Party deiner Gefühle. Die haben entschieden, welcher Song läuft.

Ein bisschen traurig? Okay, wir spielen Piano.

Ein bisschen wütend? Gut, ein bisschen Rock.

Ein bisschen gerührt? Alles klar, eine Geige.

Die Party lief.

Nicht immer perfekt, aber immerhin ohne Feueralarm oder Schlägerei.

Und dann kommen die Wechseljahre.

Und plötzlich verlassen diese beiden DJs den Club. Einfach so. Ohne Ansage. Ohne Playlist.

Und jetzt steht dein Nervensystem, allein am Mischpult und drückt einfach ALLE KNÖPFE GLEICHZEITIG.

Traurig.
Wütend.
Gerührt.
Empört.

Alles.


Früher hast du eine Schnecke auf dem regennassen Bürgersteig gesehen und gedacht:

„Ach kuck, ein Kriechtier.“

Heute siehst du eine Schnecke mit einem leicht angeknacksten Häuschen und dein Gehirn denkt sofort:

„Das arme Tier hatte bestimmt Träume und jetzt schwuppdiwupp mit einem Knacks in der Obdachlosigkeit gelandet.“

Und dein Körper signalisiert dir: „Du privilegierte alte Frau, wir heulen jetzt. Sei doch einfach mal dankbar, dass dir keine Größe 44 auf dein Haus trampeln kann“ – zack schluchzender Heulkrampf auf dem Weg zur Post.


Supermarkt – emotionales Krisengebiet

Du stehst im Supermarkt. Ganz normal. Vor dem Kühlregal.

Und plötzlich siehst du eine alte Frau, klein, süß, schrumpelig, die sehr vorsichtig eine Banane in ihre Einkaufstasche legt.

Warum auch immer entscheidet dein Gehirn plötzlich:

„Das ist traurig.“

Du weißt nicht warum.

Deine Gedanken: „Oh Gott, die ist ganz alleine. Ihre Kinder kümmern sich n´ Scheiss um sie.
Der Sohn, das Arschloch ist das Ebenbild ihres verstorbenen Mannes. Er ist Anwalt und trägt n Seitenscheitel. Die Tochter arbeitet im Marketing. Die Enkel sind zu weit weg und keiner ruft die Oma zu Weihnachten an. Keiner ist da, mit dem sie die Banane teilen kann.

Und während du versuchst, Joghurt in deinen Wagen zu legen, laufen dir die Tränen übers Gesicht wie bei der letzten Szene von Titanic. Da hätte ich auch am liebsten Rose von der Tür geschallert und da war ich noch nicht in der Menopause. Kleine Erläuterung am Rande.

Neben dir steht ein Mann mit Tiefkühlpizza und denkt wahrscheinlich:

„Warum heult die, bestimmt weil der Schafskäse schon wieder aufgeschlagen hat?“


Drogerie – Ort der emotionalen Wahrheit

Drogerien sind auch gefährlich.

Du gehst rein, weil du eigentlich nur Shampoo brauchst. Fünf Minuten später stehst du vor einem Spiegel mit diesem gnadenlosen Neonlicht.

Dieses Licht, das jede Falte beleuchtet wie eine archäologische Ausgrabung.

Du schaust dich an.

Dann siehst du diese kleinen Hängebäckchen links und rechts neben deinem Mund.

Und plötzlich denkst du:

„Ich sehe aus wie ein leicht enttäuschter Mops.“

Und zack.

Du heulst.

Zwischen Zahnbürsten und Hornhauthobel.

Eine Verkäuferin läuft vorbei und fragt vorsichtig: „Kann ich Ihnen helfen?“

Du verneinst höflich und antwortest: „Nein danke, ich habe nur gerade bei diesem beschissenen Licht meine 53-jährige Haut betrachtet und festgestellt, dass ich, als ich noch geraucht und gesoffen habe, besser aussah.“

 


 

Auch Social Media weiß längst Bescheid

Der Algorithmus hat dich bereits analysiert.

Er hat gemerkt: Diese Frau ist emotional weichgekocht.

Also zeigt er dir jetzt:

– Hunde mit traurigen Augen und verfilztem Fell
– alte Menschen im Pflegeheim
– Kinder, die nichts zu essen haben
– und zwischendurch ein Reel
über Dankbarkeit und Sonnenuntergänge.

Du scrollst.

Du heulst.

Du scrollst weiter.

Du heulst noch mehr.

So sehen aktuell meine Abende aus. Glaubste nicht? Vooorsicht – mir steigt das Wasser sonst sofort wieder in die Augen.


 

Aber jetzt kommt die Wahrheit

Dieses Geheule ist kein Defekt.

Es ist eher eine Art emotionaler Frühjahrsputz im Herbst des Lebens.

Früher hatte unser Nervensystem eine erstaunliche Fähigkeit:

Es konnte Dinge einfach ignorieren.

Der anstrengende Kollege, der seit drei Jahren denselben Witz erzählt.

Der Typ im Fitnessstudio, der beim Bankdrücken Geräusche macht wie ein sterbender Wal (Mein Mann übrigens auch).

Die Freundin, die dir seit 2008 erklärt, warum ihr Ex eigentlich ein guter Mensch ist, obwohl der Idiot der größte Narzisst ist, der aktuell in deinem Umfeld atmet.

Du hast genickt.
Du hast gelächelt.
Du hast gedacht:

„Okay.“

Und bist einfach weitergegangen. Heute funktioniert das nicht mehr. Heute sitzt du irgendwo und merkst plötzlich: Dein Gehirn hat die Geduld einfach gelöscht.

Nicht langsam.

Sondern so abrupt wie wenn dein Handy plötzlich sagt:

„Speicher voll.“

Da erzählt jemand zum dritten Mal die gleiche Geschichte.

Und du denkst nicht mehr: „Ach ja.“

Du denkst: „Wir könnten auch einfach alle kurz schweigen“. Aus deinem Mund kommt allerdings: „Hör mal zu, jetzt höre ich mir die Story schon zum 280igsten Mal an und sie wird nicht lustiger“.


🍒 Kirsche zum Schluss

Ja, wir heulen jetzt öfter.

Bei einer alten Dame mit ner Banane im Supermarkt.
Bei einer Schnecke, deren Häuschen aussieht wie nach einem kleinen Immobiliencrash.
Bei einem Video von einem Hund, der zum ersten Mal Schnee sieht.

Und manchmal auch einfach, weil jemand sagt:

„Du hast da Wimperntusche auf der Wange.“

Früher hätten wir gelacht. Heute steht man da mit verwischter Mascara und denkt:

„Das Leben ist wirklich ein bisschen viel heute.“

Aber weißt du was? Das ist gar kein Absturz. Das ist ganz simpel ein Nervensystem,
das nach Jahrzehnten beschlossen hat:

„Ich spiele jetzt nicht mehr den emotionalen Türsteher.“

Alles darf rein. Mitgefühl. Rührung.
Dieses plötzlich weiche Herz für Dinge, an denen wir früher vorbeigelaufen sind wie an dem schlecht gelaunten Anwaltssohn der alten Dame.

Und ganz ehrlich?

Nach all den Jahren cool bleiben, stark sein, funktionieren, zusammenreißen, drüber hinwegsehen, aushalten, ist ein bisschen Heulen vielleicht genau das, was wir uns längst verdient haben.

Selbst wenn es wegen einer Schnecke passiert.

Oder wegen eines Hundes im Schnee.

Oder weil der Käse im Kühlschrank heute einfach sehr emotional aussieht. 🍒

 

Kirsche

Geschrieben von Kirsche

50+. Ungefiltert. Ehrlich. Ich schreibe über das, worüber andere nur flüstern.

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